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Karate-Do - Der Weg der leeren Hand

 

Geschichtliche Entwicklung des Karate-Do

Das Karate-Do zählte ursprünglich nicht zu den traditionellen Kampfkünsten Japans, sondern wird dort erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts gelehrt. Seine eigentlichen Ursprünge liegen in Okinawa, wo es sich gesichert bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Es ist bekannt, dass auf Okinawa ein System geübt wurde, dass die Bezeichnung Tode, bzw. Tang-Te trug, was soviel wie „China-Hand“ bedeutete. Ein orginär einheimisches System mit dem Namen „Te“ (Hand) ist vermutlich älter und wurde auf Okinawa seit vermutlich mindestens 1000 Jahren geübt.

 Die Bezeichnung Tode (Tang-Te) ist auf den Einfluß der chinesischen Kampfkünste zurückzuführen, durch die das okinawanische Te nachhaltig beeinflusst wurde. Dieser Einfluß wurzelte im regen Kulturaustausch zwischen Okinawa und China, besonders, seit im 15. Jahrhundert die bis dahin konkurrierenden drei Königreiche auf Okinawa unter der Sho-Dynastie vereinigt wurden, womit das „goldene Zeitalter“ Okinawas unter regen Handelsbeziehungen mit China anbrach (Reid/Croucher 1986, S.155 ff.).

 Im 17. Jahrhundert wurde die Insel im Zuge der innerjapanischen Machtkämpfe von dem Clan der Satsuma okkupiert und in diesem Zusammenhang ein schon aus der Zeit der Sho-Dynastie existierendes Waffenverbot erneuert und extrem verschärft.[1]

 

 

 Im Bestreben, sich den Okkupanten zu entziehen oder zu widersetzen, wurden die Kampfkünste von den Meistern des Okinawa-Te nur noch im Geheimen unter nahezu konspirativen Bedingungen im Kreis von kleinen Gruppen vertrauenswürdiger Schüler unterrichtet.

 Angesichts der Notwendigkeit, in Begegnungen mit Rüstungen tragenden Bewaffneten zu bestehen und unter dem Einfluß chinesischer Systeme gewann das Okinawa-Te an kämpferischer Effektivität. Gleichzeitig entwickelte sich das sog. Okinawa Kobujutsu, in dem vorwiegend bäuerliche Arbeitsgeräte und Handwerkzeuge modifiziert und als Waffen in die Kampfkunstkonzepte integriert wurden.


Von Okinawa nach Japan

Anfang des 20.Jahrhunderts trat das Okinawa-Te aus dem Schatten der Konspirativität, indem es seiner erzieherischen und körperbildenden Werte wegen in die Erziehungs- und Unterrichtsprogramme der Mittelschulen integriert wurde.

Dadurch weckte es das Interesse offizieller japanischer Stellen, die in der Folge u.a. den okinawanischen Meister Gichin Funakoshi einluden, das System in Japan vorzustellen.

In diese Zeit fällt auch die Änderung der Schreibweise und Umbenennung des Tang-Te. Das Schriftzeichen für „Tang“ wurde durch das für „Kara“ ersetzt, was soviel wie „leer“ bedeutet, womit sowohl auf die leere (unbewaffnete) Hand als auch auf die Leere im Sinne des Zen Bezug genommen werden sollte.

 Nach dem Krieg nahm das in Japan mittlerweile primär sportlich orientierte Karate einen enormen Aufschwung durch die Gründung der Japan Karate Association JKA aus der heraus Instruktoren nach den USA und Europa gingen, um das System weiterzuverbreiten.

 In Deutschland wurde das Karate durch den Schriftsteller Jürgen Seydel 1957 eingeführt und durch eine Reihe engagierter Pioniere wie den Autor verschiedener Fachbücher, Albrecht Pflüger und viele andere zunächst als Sektion im Judobund, später in eigenständigen Fachverbänden organisiert.

 Heute ist die überwiegende Mehrzahl der Karate Betreibenden im Deutschen Karateverband (DKV) zusammengeschlossen, der mit über hunderttausend Mitgliedern die organisatorische Plattform für mehr als ein Dutzend Stilrichtungen bildet und schwerpunktmäßig am Breiten- und Leistungssport orientiert ist.

 

Techniken und systemspezifische Eigenschaften

 Das Karate gehört zu den schlagenden Systemen. In ihm kommen Abwehr-, Schlag- und Stoßtechniken mit der Faust oder offenen Händen ebenso zur Anwendung wie Fußstöße und –tritte. Es ist ein System der sog. „Block-Konter-Präferenz“, in dem ein Angriff entweder durch eine blockierende oder umlenkende Bewegung abgefangen und durch einen daraufhin oder gleichzeitig erfolgenden Konter neutralisiert wird.

 Die Wirksamkeit der Techniken basiert auf der schockartigen Übertragung eines Maximums an kinetischer Energie auf eine möglichst geringe Trefferfläche. Aus einem Zustand maximaler Entspannung, der durch die gelockerte Muskulatur eine extrem schnelle Bewegung ermöglichen soll, wird die Technik beim Auftreffen auf das Ziel für einen Sekundenbruchteil unter maximal möglicher Ganzkörperspannung arretiert.

Durch den Einsatz möglichst der gesamten Körpermasse und den abgesenkten Körperschwerpunkt in den karatetypischen Stellungen, der für ein hohes Maß an Stabilität sorgt, erhält die Karate-Technik bei entsprechendem Training eine enorme Durchschlagskraft.

 Angesichts der historisch bedingten Notwendigkeit, unbewaffnet gegen einen bewaffneten gerüsteten Angreifer bestehen können zu müssen, ist das taktische Konzept des Kampfes im Karate auf eine möglichst schnelle Beendigung der Konfrontation ausgelegt.

 
„Wenn man im Kampf einen Karateschlag einsetzt, so muß man sich darüber im Klaren sein, dass dieser Schlag alles entscheidet. Wenn man einen Fehler gemacht hat, wird man derjenige sein, der verliert.“(Funakoshi 1993, S.134)

 

Das technische System des Karate-Do ruht auf drei Säulen, dem Kihon, der Kata und dem Kumite.

 

  • Im Kihon, der sogenannten Grundschule werden die jeweiligen Einzeltechniken im Karate-Do erlernt und vertiefend geübt. Dabei werden die Techniken in scheinbar endlosen Wiederholungen systematisch internalisiert und sollen im Verlauf der Übungsfortschritte durch Korrektur und vermehrte Selbstkontrolle immer weiter perfektioniert werden.

 

  • Unter Kata versteht man eine festgelegte Form von Abläufen kombinierter Abwehr und Kontertechniken in verschiedene Richtungen, die, vergleichbar einer Art „Schattenboxen“, einen imaginären Kampf gegen mehrere Angreifer darstellt. Die Form geht weit über die reine Technikschulung hinaus. Sie enthält durch einen stetigen Wechsel von Rhythmus, Spannung, Richtung und Geschwindigkeit ein hohes Potential an psychisch-mentaler Schulung von Kampfgeist, Wachsamkeit und Konzentration.

 

  • Das Kumite umfasst die im Endziel freie Anwendung der erlernten kämpferischen Prinzipien. Wenn man das Kihon als Wortschatz und die Kata als Grammatik verstehen wollte, wäre das Kumite die Unterhaltung in freier Rede zwischen zwei Partnern. Dabei geht auch hier der systematische Aufbau der Meisterung der äußeren Form des Kämpfens von abgesprochenen, kontrollierten, über halbfreie zu freien Kampfformen.

 

Geistige und körperliche Aspekte der Karateprinzipien

 Aus der oben beschriebenen Arbeit mit der punktuell eingesetzten Ganzkörperspannung geht hervor, dass eine Karatetechnik kein Ergebnis isolierter Bewegungsmuster sein kann. Zum einen ist der Übungsansatz von vornherein auf Zweiseitigkeit angelegt, da im grundschulmäßigen Üben alle Techniken abwechselnd links oder rechts ausgeführt werden.

Durch Aushol– und Stabilisierungsbewegungen kommt es zum anderen zu verstärkten Anforderungen an die Links-Rechts-Koordination als einem Mittel der Reizsetzung und der Stimulans der beiden Großhirnhälften.

Im Üben der Kata wird die koordinative Anforderung noch zusätzlich aufgrund der Richtungswechsel durch komplexe Wendungsbewegungen verstärkt, zusätzlich fordert die Kata das räumliche Orientierungsvermögen.

 

 

 

 

 Außer der auf das Koordinationsvermögen zielenden Wirkung spielen Balancegefühl und Stabilität eine wichtige Rolle in der Übung. Neben den erwähnten Fußtechniken, bei deren Ausführung man logischerweise gezwungen ist seine Standfestigkeit auf einem Bein stehend zu bewahren, kommt der Kontrolle des Körperschwerpunkts generell eine große Bedeutung zu. Aus ihr resultiert die oben erwähnte Stabilität der karatetypischen Stellungen.

 Die bisher genannten Aspekte haben durch ihren primär körperlichen Bezug eher indirekt, im Zusammenhang mit der Reizsetzung, einen pädagogischen Effekt, wenn man von der Wirkung absieht, die das Meistern einer technischen Schwierigkeit an sich auf Selbstbewusstsein oder das Gewinnen von Ich-Stärke ausübt.

In geistig-mentaler und sozialer Hinsicht bietet der kämpferische Ansatz des Karate-Do in mehrerer Hinsicht wichtige Ansatzpunkte, auch und besonders für budopädagogische Konzepte.

Der erste und wichtigste liegt  in dem Aspekt der Kontrolle aufgrund der beschriebenen Wirkungsprinzipien und des taktischen Konzepts eines Karate-Kampfes.

 „Ikken-Hissatsu – mit einem Schlag töten“ bezeichnet ein wichtiges philosophisches Prinzip der Budo-Übung, das nicht primär auf das Töten an sich, sondern auf das Überwinden einer letzten Grenze abzielt, die nur durch absolute Perfektion zu erreichen ist.

Die Grundvorrausetzung dafür, auf diese Perfektion hinarbeiten zu können, liegt in dem Prinzip des „Sun-Dome“, das in dem Verzicht auf Trefferwirkung im Zweikampf resultiert. „Sun-Dome“ bedeutet, die auf volle Wirksamkeit angelegte Technik etwa zwei cm vor dem anvisierten Ziel abzustoppen, womit das Non-contact-Prinzip des Systems beschrieben ist.

 

„Ikken Hissatsu“ und „Sun Dome“ sind die beiden Pole eines Wirkungsvermögens, in dem sich die Fähigkeit zur absoluten Wirkung und die Achtung vor dem Leben im Gleichgewicht halten(vgl. Lind 2001)

Dies bedeutet vor allem zu lernen, dass die Gesundheit und Unversehrtheit des Übungspartners das höchste Gut ist, das es in der Kampfübung gibt. Nur in dem Maße, in dem ein Schüler lernt, sich zurückzunehmen und unter Kontrolle zu halten, kann er die Schritte von streng abgesprochenen und in Ablauf und Ergebnis festgelegten Zweikampfformen zum halbfreien oder freien Kämpfen gehen.

Wenn hier von Kontrolle gesprochen wird, ist damit nicht nur in erster Linie die äußerliche Kontrolle der einzelnen Technik gemeint. Entscheidend ist, dass sich die Schülerin oder der Schüler nicht von Angst beherrschen und damit lähmen oder von Wut oder Ehrgeiz zu unbedachtem Handeln verleiten lässt. Es geht also in viel höherem Maße um emotionale Selbstkontrolle, von der das Bestehen im Kampf wesentlich abhängt.

Neben dem äußeren Erlernen und Beherrschen einer Technik ist es also vor allem dieser Aspekt, aus dem Kampfkunstschülerinnen und Schüler ein gesteigertes Maß an Selbstvertrauen und Ich-Stärke ziehen.

 


[1] Das Waffenverbot wird häufig als wesentliche Ursache für die Entwicklung und Verbreitung des Okinawa-Te angesehen aber als solche überschätzt, auch wenn es in seiner Praxis oft so drastische Formen annahm, dass beispielsweise einem Dorf nur der Besitz eines Messers erlaubt war, das mit einer Kette gesichert am Brunnen befestigt war und bewacht werden musste (vgl. Habersetzer 2005, S.88 ff.).

Der weltbekannte Kampfkunstexperte Patrick McCarthy hingegen vertritt die These, daß ein Waffenverbot in der erwähnten Form auf Okinawa nicht generell existiert hat, da sich in historischen Quellen keinerlei konkrete Hinweise dafür finden lassen.